Assisi im Jahr 1206. Vor dem Haus des Bischofs stehen der Bischof selbst, der Kaufmann Pietro Bernadone und dessen Sohn Francesco Bernadone, bekannt als Franziskus von Assisi. Der Vater ist sauer auf seinen Sohn, weil dieser in die Kasse des Geschäftes gegriffen hat, um Kirchen wieder aufzubauen, die am Verfallen sind. Daraufhin zieht sich Franziskus splitternackt aus und gibt dem Vater alles zurück, was er auf seinem Leib trägt, wobei er darauf hinweist, dass er ab jetzt nur noch einen Vater habe, nämlich den im Himmel. Der Bischof von Assisi reagiert sofort und legt dem splitternackten Franziskus einen Mantel um.
Was hat den Bischof von Assisi dazu veranlasst? War er von der Situation peinlich berührt? Hat er gespürt, dass hier Gott einen Menschen dazu berufen hatte, auf eine besondere Weise Jesus Christus nachzufolgen? Hatte er gespürt, dass das Charisma dieses Menschen ein Schatz für die Kirche werden würde? Wir wissen es nicht. Sicher aber ist, dass der Bischof von Assisi mit dieser Geste Franziskus unter seinen persönlichen Schutz genommen hat. Jenen Franziskus, der einen Aussätzigen umarmt hatte, in vollkommener Armut lebte, Kirchen wieder aufbaute, Gefährten um sich sammelte, und das Evangelium so verkündete, wie er es verstand.
Das Amt begegnet dem Charisma
Die Szene vor dem Bischofshaus in Assisi ist für die Geschichte des heiligen Franziskus von entscheidender Bedeutung. Hätte sich der Bischof von Assisi nicht hinter ihn gestellt und ihn unter seinen persönlichen Schutz genommen, dann wäre die Bewegung des heiligen Franziskus wohl zu Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte. Schließlich gab es in jener Zeit jede Menge von charismatischen Menschen, die sich auf das Evangelium berufen haben, aber als Ketzer galten. So zum Beispiel die Albigenser und die Katharer.
Was geschieht also bei dieser Szene vor dem Bischofshaus in Assisi? Die offizielle Kirche in Gestalt des Bischofs trifft auf einen charismatisch begabten Menschen, der das Evangelium so wörtlich lebt, wie es ihm möglich ist. Das Amt begegnet dem Charisma.
Das Charisma begegnet dem Amt
Einige Jahre später will Franziskus, dass sein Orden von der Kirche offiziell anerkannt wird. Dazu geht er nach Rom zu Papst Innozenz III. Der hat in der Nacht vor der Begegnung mit Franziskus einen Traum: Er sieht, wie seine Bischofskirche, also die Lateranbasilika, am Einstürzen ist. Da kommt ein einfacher Mann und verhindert, dass sie einstürzt. Es ist Franz von Assisi. Hier ist es Franziskus, der die Kirche am Leben erhält.
Amt und Charisma: eine spannende Geschichte. Gerade auch in der Neuzeit. Denn im letzten Jahrhundert, wurden viele neue geistliche Bewegungen gegründet, die viele Menschen bis heute faszinieren. Vor allem Papst Johannes Paul II. war von diesen neuen Bewegungen sehr angetan. Und in der Tat haben sie wichtige Impulse für unsere Kirche zu geben.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig es ist, diese Bewegungen in das Gesamt der Kirche zu integrieren. Zumal sich in jüngster Vergangenheit auch gezeigt hat, dass es in solchen neugegründeten Gemeinschaften Missstände gab. Dies sollte uns allerdings nicht dazu verleiten, sie zu desavouieren. Es braucht in unserer Kirche nämlich beides: das Amt und das Charisma. Beides sind wir, die beiden Pole einer Ellipse, ohne die die Ellipse zusammenfällt.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von David Steindl-Rast, einem Benediktiner und geistlichen Schriftsteller unserer Zeit:
Religion kann zu etwas werden, was mit Religion nichts mehr zu tun hat. Ich benutze am liebsten den Vergleich mit einem Vulkan. Wir haben diesen Berg, und aus ihm bricht die religiöse Erfahrung hervor, wie bei einem Vulkanausbruch. Da ist alles noch lebendig und flüssig. Licht und Feuer … Und dann fängt es an, herunterzufließen. Je weiter dieser Lavastrom ins Tal kommt, umso dicker wird er und umso kälter, und ehe man sich‘s versieht, ist das lebendige Feuer völlig mit Lava überdeckt, durch die man kaum noch durchkommt.
Deshalb bedarf es eines großen Heiligen, wie es etwa des heiligen Franziskus war, der hier durchbricht und das lebendige Feuer wieder hervorschießen lässt, das ursprünglich war. Aber nicht nur der heilige Franziskus. Wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass unsere Religion wieder religiös wird. Und das bedeutet, dass wir ständig diese harte Kruste von Dogmatismus, Moralismus und Ritualismus durchstoßen müssen, um die Religion wieder auf die religiöse Erfahrung zurückzuführen und mit ihr zu verbinden. Keiner von uns ist davon ausgenommen. (in: Christ in der Gegenwart, 33/2021).
Das sollte uns zu denken geben, gerade im Jubiläumsjahr des heiligen Franziskus, anlässlich seines 800jährigen Todestages.
Dr. Peter Kohl,
Bischofsvikar für die Orden und geistlichen Bewegungen sowie für die Personen des gottgeweihten Lebens in der Erzdiözese Freiburg
800 Jahre Franz von Assisi
Diesen und weitere Beiträge zum Franziskanischen Leben in der Erzdiözese finden Sie auf unserer Themenseite www.ebfr.de/franziskusjahr










