Lörrach/Freiburg. Das St. Elisabethenkrankenhaus in Lörrach mitsamt seiner Kapelle wird schon bald Vergangenheit sein. Nächstes Jahr sollen alle vier Krankenhäuser im Landkreis aufgelöst und in einem neuen großen Klinikkomplex, dem Dreiland-Klinikum, zusammengeführt werden. Die Geschichte des „Eli“, wie die Ortsansässigen sagen, geht zu Ende, doch es bleiben einige Geschichten, die mit dem Haus und der Kapelle verbunden bleiben und zu erzählen sind.
Die bisherige Kapelle in dem 240-Betten-Gebäude ist großzügig angelegt, beinahe könnte sie als Kirche durchgehen. Der Blick richtet sich nach vorn auf die hell gehaltene Altarwand, in deren Mitte geometrische, beige und blau gehaltene Figuren in einem rautenförmigen Mosaik ihr Spiel treiben. Die Unterbauten von Altar, Tabernakel und Ambo, von Kerzenständer, Mariensäule und Kruzifix sind jeweils kunstvoll gestaltete, enge Schmiedegeflechte, die Pflanzen imitieren und die auf dem hellen Boden glatt polierter Steinplatten stehen.
All diese wunderschönen Sakralgegenstände werden im neuen Krankenhaus keinen Platz finden. Denn im Dreiland-Klinikum mit knapp 700 Betten plus rund 150 in der psychiatrischen Abteilung wird es nur noch eine kleine Kapelle geben – ohne Fenster. Eine Künstlerin hat gerade ein Lichtkonzept erarbeitet.
Eine Ordensschwester, die immer da war

Segens-, Trauer- und Gedenkfeiern

Ein weiterer Termin im Jahr steht fest: Am zweiten Sonntag im Dezember wird am Internationalen Gedenktag für verstorbene Kinder ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. An diesem Tag stellen betroffene Familien weltweit um 19 Uhr eine brennende Kerze ins Fenster. Dies vereint verwaiste Eltern, Angehörige und Freunde rund um den Globus. Wenn die Kerze in einer Zeitzone herunterbrennt und erlischt, wird sie in der nächsten bereits entzündet. Dadurch entsteht ein symbolisches, 24 Stunden andauerndes Band aus Licht, das Trost spendet.
Eine Oase im umtriebigen Klinikbetrieb
Und auch diese schreckliche Geschichte ist der Teil der Kapelle im Eli: Jedes Jahr am 19. September wird der Opfer eines Amoklaufs gedacht, der 2010 Lörrach erschütterte. Eine Anwältin hatte in der Nachbarschaft ihren Mann erschossen und ihren fünfjährigen Sohn erstickt. Anschließend schoss sie auf Passanten und drang mit Messer und Pistole bewaffnet ins Elisabethenkrankenhaus ein, schoss auf die geschlossenen Türen der Krankenzimmer und tötete einen Pfleger. 18 Menschen wurden verletzt, drei davon schwer, darunter ein Polizist. Dessen Kollegen erschossen schließlich die Täterin.
Doch es gibt auch die anderen Geschichten, die vielen guten, die wunderbaren. Anja Drechsle sagt, besonders erfüllend sei die Arbeit auf der Neonatologie, der sogenannten Däumlingsstation, „diese kleinen Wunder, die man dort sieht und deren Entwicklung man beobachten kann“. Manche Frühgeburten wiegen keine 400 Gramm – „und trotzdem ist alles dran“. Es seien wahre Gottes-Geschenke, etwas ganz Tolles: „So ein Kind zu begleiten und wachsen zu sehen und zu wissen, dass es oft gut ausgeht.“
Dennoch durchlaufen die Seelsorgerinnen und Seelsorger mitunter ein Wechselbad der Gefühle. „Die Umstände sind manchmal dramatisch“, sagt Drechsle, etwa „wenn jemand mehrere Fehlgeburten hatte, und es sich abzeichnet, dass ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt“. Wie werden Seelsorger und auch das klinische Personal mit den Schicksalsschlägen der ihnen Anbefohlenen selbst fertig? „Man muss eine gute Distanz wahren und innerlich einen Ausgleich haben“, sagt sie und ergänzt: „Die hier arbeiten, haben das in die Wiege gelegt bekommen“.
„Ich kann alles wieder. Das ist für mich ein Wunder.“
Den größten Teil der Zeit ist die Kapelle leer – aber nicht ungenützt. Sie ist immer offen. Wenn Angehörige oder Klinikmitarbeiter einen ruhigen Ort brauchen, kommen sie hier her. „Sie können Tag und Nacht kommen“, sagt Anja Drechsle, „die Kapelle ist wie eine Oase im umtriebigen Krankenhaus“. Ihr gegenüber liegt die Notaufnahme für Kinder und Jugendliche, auf der anderen Seite die gynäkologische Ambulanz. Für die, die einkehren, brennt immer eine Kerze und stehen frische Blumen auf dem Altar.
Während des Gesprächs mit Anja Drechsle betritt ein Mann die Kapelle. Er ist gekommen, um Ruhe zu finden, runterzukommen nach seinen Besuchen und Gesprächen auf der Hasen- und Bären-Station. Es ist Albert Brenneisen. 40 Jahre lang hat er im Service eines örtlichen Industrieunternehmens gearbeitet. Jetzt ist er im Ruhestand und hat an Abenden und Wochenenden über ein Jahr lang eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Klinikseelsorger gemacht.
„Ich hatte einen Schlaganfall“, erzählt er. Als Notfall sei er in eine Klinik eingeliefert worden, sei gelähmt gewesen und habe die Fähigkeit verloren, irgendeinen Gedanken zu fassen. Doch alles verloren Geglaubte kam zurück. „In der Reha habe ich Menschen in Rollstühlen gesehen, die konnten sich nicht mal mehr einen Kaffee rauslassen – und ich kann das alles wieder. Das ist für mich ein Wunder“, sagt Brenneisen, der die Lähmung verloren und soziales Engagement gewonnen hat. Nun wolle er einen Teil der neu geschenkten Zeit zurückgeben „als Zeichen der Dankbarkeit“. Deshalb kommt er einmal die Woche und verbringt Zeit mit jungen Patienten auf den Kinderstationen. Und anschließend ein paar ruhige Minuten in der Kapelle.
(asc)
Klinikkapellen in der Erzdiözese Freiburg
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