Freiburg. Die Stadt liegt bereits in der Dunkelheit eines herbstlichen Abends, im Münster schimmert warmes Licht. Vorne, am Beginn des Chores, ist ein Ensemble aufgebaut, das hell leuchtet und alle Blicke fängt: ein kleiner, goldener Schrein mit einer Reliquie der Heiligen Bernadette, eine ganz in weiß gehaltene, fast körpergroße Marienfigur, daneben ein großes Plakat mit dem Konterfei Bernadette Soubirous. Kerzen, Blumen, Tücher, ein Stein aus der Grotte Massabielle in Lourdes und ein Kupferkessel mit Wasser aus der Quelle dort vervollständigen die Gruppe.
„Lourdes, der besondere Gnadenort, kommt zu uns“, sagt Domkapitular Bernd Gehrke zu Beginn der Messe, „Gott ruft uns in seine Nähe“. Seit Dienstag (20. Oktober) befindet sich das Reliquiar mit einem Stück des Rippenknochens der Heiligen Bernadette in der Erzdiözese Freiburg. 14 Tage wird der Schrein unterwegs sein und im Süden der Erzdiözese an zehn Orten Halt machen: in Offenburg, Kirchhofen, im Kloster Sankt Trudpert, in Todtmoos, Waldshut-Tiengen, Oftringen, Birnau, Emmingen-Liptingen und im Kloster Beuron.
Neue Kraft durch das Gebet
Das Münster in Freiburg ist an diesem Dienstagabend gut gefüllt. Domkapitular Gehrke steht beim Ambo zur Gemeinde gewandt und erklärt: „Gott will auch durch die Erscheinung der Gottesmutter in Lourdes uns in seine Nähe rufen.“ Im Jahr 1858 war Maria der Müllertochter Bernadette Soubirous insgesamt 18 Mal erschienen. Seitdem bricht der Pilgerstrom zur Grotte am Fluss Gave nicht ab. Auch aus der Erzdiözese Freiburg fahren Gläubige nach Lourdes, das Pilgerbüro bietet drei Fahrten pro Jahr an. Der Ort am Fuße der Pyrenäen ist einer der meistbesuchten Marienwallfahrtsorte der Welt. Menschen schöpfen neue Kraft durch intensives Beten, die Feier des Gottesdienstes an der Erscheinungsgrotte, durch Bäder im Wasser aus der Quelle, durch die tägliche eucharistische Prozession und die Lichterprozession vor der Rosenkranzbasilika.
Im Freiburger Münster tritt nun Klaus Holzamer, deutschsprachiger Pilgerseelsorger und Kaplan an der Wallfahrtsstätte in Lourdes, an den Ambo und predigt über Bernadette Soubirous. Wie sie als Mädchen Holz sammeln war „an einem verruchten Ort“ namens Massabielle (Dialektwort für „alter Felsen“) außerhalb des Städtchens gelegen, wo sich gewöhnlich die Schweine suhlten. Bernadette war kränklich, ungebildet, kam aus armen Verhältnissen. Ihre Familie war „am untersten Platz der Gesellschaft“ angekommen nach einiger Unbill.
„Unendlich viel geht über die Vernunft hinaus“
Im Alter von 13 Jahren ist Bernadette wegen ihres Asthmas dem Tode nahe. Sie kommt bei ihrer alten Amme unter, war jedoch nicht mehr als „eine geduldete Kostgängerin“, die Schafe hüten musste. Doch Bernadette klagt nicht, sondern versucht, das Beste aus der Situation zu machen, führt Pfarrer Holzamer aus. Sie möchte an der Erstkommunion teilnehmen, dazu war die Kenntnis des Katechismus Voraussetzung. Ihn auswendig zu lernen, schafft das Mädchen nicht, die Amme wirft ihr den Katechismus hinterher mit den Worten: „In Deinen Kopf geht nichts hinein!“ Dann die erste Erscheinung: Die Gottesmutter verlangt von ihr, 15 Tage lang zur Katechese zu ihr zu kommen. Sie führt sie in die Geheimnisse des Rosenkranzes ein. Sie offenbart ihr: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Am Fronleichnamstag empfängt Bernadette Soubirous die Kommunion, vor der 18. und letzten Erscheinung.
Später lebt Bernadette für 13 Jahre in einem Kloster der Barmherzigen Schwestern in Nevers, 700 Kilometer von Lourdes entfernt, das sie nie wieder sehen wird. Sie stirbt mit 35 Jahren. Im Geiste aber habe sie jeden Tag die Grotte besucht, wo sie diese unsagbar wohltuenden Erscheinungen hatte, die sich offenbar nur im Glauben erschließen und worüber die bloße Ratio gewöhnlich Zweifel hegt. Doch Kaplan Holzamer führt den französischen Philosophen Blaise Pascal an, der auf die Grenzen des Verstandes hingewiesen hat: „Der letzte Schritt der Vernunft ist, anzuerkennen, dass unendlich viel über sie hinausgeht.“ Die Heilige Jungfrau habe Bernadette ausgewählt, weil diese demütig gewesen sei und der Stolz sie nicht unvernünftig gemacht hatte.
Nach der Eucharistie ziehen die Gläubigen mit Lourdes-Kerzen in einer Lichterprozession singend durch das Münster, angeführt von Domkapitular Gehrke und Kaplan Holzamer: „Maria, wir kommen aus Dunkel und Nacht.“
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