Der beherzte Kirchenmusiker am Münster Villingen Ewald Huth leistete Widerstand in der NS-Zeit
Ewald Huth wurde am 11. Januar 1890 in Hersfeld, Hessen, geboren. Nach der Volksschulzeit wollte er zunächst Lehrer werden, wurde dann aber nach einem Musikstudium Kirchenmusiker. Im Ersten Weltkrieg war er wegen eines Sehfehlers ausgemustert worden, meldete sich dann aber freiwillig als Sanitäter beim Roten Kreuz und arbeitete in verschiedenen Lazaretten. Ende 1920 bewarb er sich erfolgreich auf die vakante Stelle des Organisten und Chordirektors am Villinger Münster, die er am 1. Januar 1921 antrat. 1923 heiratete er die Villingerin Maria Gromann. Gemeinsam bekamen sie drei Töchter, von denen jedoch eins im Kindesalter starb. In seiner 23 jährigen Tätigkeit am Villinger Münster wurden viele große Musikwerke aufgeführt, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. Ewald Huth leitete auch weltliche Chöre wie den Männerchor Villingen, den Werkschor der Aluminiumgießerei sowie Chöre in Trossingen, Sankt Georgen und Schramberg.
Was für ein Mensch war Ewald Huth? Von seinem Charakter war er ein bescheidener Mann, der um seine Person nie großes Aufsehen machte und nicht gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand. Gleichzeitig war er jemand, der seine Meinung klar aussprach. Schon nach der Machtübernahme Hitlers 1933 erkannte er, dass vom Nationalsozialismus eine große Gefahr ausging. Immer wieder warnte er vor der Tyrannei der Nazis. Ständig wurde er und seine Familie bespitzelt und überwacht. Nach der Denunziation von einem Nachbarn und eines Fahnenjunker Feldwebels wurde er am 19. Januar 1944 verhaftet und kam zunächst ins Villinger Gefängnis. Da er vier Monate vorher zur Gendarmarie eingezogen worden war, unterstand er der Gerichtsbarkeit der SS. So wurde er nach Stuttgart überführt, wo am 17. März die Anklageverfügung und der eigentliche Haftbefehl erfolgten. Der Prozess vor dem SS- und Polizeigericht XI in Stuttgart unter dem Vorsitz eines SS Obersturmbannführers endete, wie in solchen Fällen üblich: Der Angeklagte wurde wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt. In der Urteilsbegründung stand unter anderem, dass er über Jahre hinweg in der Öffentlichkeit den Willen des deutschen Volkes zu wehrhaften Selbstbehauptung gelähmt und zersetzt habe. Außerdem, so der Vorwurf, sei er in geradezu verbrecherischer Weise kirchenhörig und wurde als schwarze Wühlmaus charakterisiert. In der Begründung heißt es weiter, dass es sich bei dem Angeklagten um einen ganz gefährlichen Hetzer handelt, der bei jeder Gelegenheit sein Gift verspritzt.
Ein Gnadengesuch wurde vom Reichsführer der SS abgelehnt. Ewald Huth musste noch ein knappes halbes Jahr warten, ehe sein Todesurteil vollstreckt wurde. In dieser Zeit wurde er für die Mithäftlinge, mit denen er seine Zelle teilte, aufgrund seiner religiösen Überzeugung zum Vorbild. Sie nannten ihn wegen seiner Fürsorge „Papa Huth“. Ein Mithäftling schrieb später in einem Brief an die Ehefrau Maria Huth über die gemeinsame Zeit folgendes: „Papa Huth wird mir und allen, die jene schreckliche Zeit überlebt haben, unvergesslich sein. Wir hatten alle wirklich etwas auf dem Kerbholz, so dass man über jedem von uns sagen musste, irgendwie hast du das verdient. Papa Huth hatte jedoch nichts angestellt, nur seine Meinung gesagt. Als wir ihn beten sahen, da haben wir zuerst spöttisch gelächelt. Mehr und mehr ging uns jedoch auf, dass für ihn Gott wie eine Wirklichkeit war. Uns hat er dabei nie übersehen, hat uns stets Mut gemacht und zugeredet… Das letzte Stück Brot hat er weggegeben, wenn einer von uns jüngeren Hunger hatte. Er war uns wie eine Sonne an jenen dunklen Tagen. Nie habe ich einen solch überzeugten Christen kennen gelernt wie ihn.“
Am 1. November 1944, dem Allerheiligentag, wurde er morgens um 7:10 Uhr in Stuttgart- Dornhalde erschossen. Erst zwei Tage später erfuhr die Familie durch ein Telegramm von der Vollstreckung des Urteils.Alt Dekan Müller sagte einmal über Ewald Huth: „Wir wollen ihn nicht heilig sprechen, aber wir heiligen und pflegen sein Gedächtnis, weil er es verdient hat.“ An Ewald Huth wird heute an verschiedenen Stellen in unserer Stadt erinnert: Eine Gedenktafel am Kaplaneihaus, Münsterplatz, die dort seit 2001 hängt, weist wie eine Straße in der Nähe des Hubenlochs auf ihn hin. Ebenso ist im Münsterzentrum ein Saal nach ihm benannt und ein Register der neuen Silbermann Orgel Rekonstruktion trägt seinen Namen.
Zusammenfassung bzw. zitiert aus: Hermann Colli, Dr. August Kroneisen, Ewald Huth – Mutiger Mann und aufrechter Christ; erschienen im Jahresheft XXVI /2003 des Geschichts- und Heimatverein Villingen, S. 65 - 71